„Die Moldau“ von Bedřich Smetana

Die Moldau von Smetana lässt uns den Verlauf des Flusses von seinem Ursprung bis zur Mündung in die Elbe musikalisch nachempfinden. Der Eine oder die Andere hatte auf unserer Radtour auch diese symphonische Dichtung der Moldau als Leitmotiv und fühlte sich an der einen oder anderen Stelle an Momente des Musikstückes erinnert.
Aber die Moldau ist nicht nur eine besonders schöne und eingängige Komposition, sondern sie hat für die Tschechen noch eine viel weitergehende Bedeutung.

Auf den Fluss Moldau wurde ja schon im Referat von Sebastian eingegangen. 
Aber wer war eigentlich der Mensch, der dieses allseits bekannte Musikstück geschrieben hat? Um das zu verstehen, werde ich kurz auf Smetanas Leben und die Zeit, in der er gelebt hat, eingehen.


Bedřich Smetana

Am 2. März 1824 kam Bedřich Smetana als Sohn des Bierbrauers František und seiner Frau Barbora Smetana im ostböhmischen Leitomischl, ein kleiner Ort ca. 120 km östlich von Prag, zur Welt. Er wurde auf den Namen Friedrich getauft. Zu Hause und während seiner Schulzeit sprach Smetana stets Deutsch. Erst als Erwachsener im Zuge der Prager Pfingstunruhen entwickelte er ein tschechisches Nationalgefühl, erlernte die tschechische Sprache und änderte seinen Vornamen bewusst zur tschechischen Namensform Bedřich.



Bereits im Kleinkindalter führte ihn sein Vater an die Musik heran: mit fünf Jahren begann der Geigen- und Klavierunterricht.
Seine Schullaufbahn war geprägt von vielen Schulwechseln. Konstant blieb aber seine Liebe zur Musik und bald kristallisierte sich in ihm der Wunsch heraus Musiker zu werden. Auf seinem letzten Gymnasium in Pilsen lernte Bedřich seine spätere Frau Katheřina kennen. Mit 19 Jahren war Bedřich in Prag als Musiklehrer tätig und studierte Klavier bei Josef Proksch. Wie sein Vorbild Wagner nahm Smetana an der Revolution von 1848/49 (Prager Pfingstaufstand) teil, zugleich eröffnete er in Prag seine eigene Musikschule- der Heirat mit Katheřina stand nun nichts mehr im Wege. Smetana wurden in den folgenden Jahren vier Töchter geboren. Doch drei seiner Töchter starben schon früh und seine Frau erkranke an Lungentuberkulose. Als noch finanzielle Probleme hinzukamen, verließ er mit seiner Familie 1856 seine Heimat, um in Göteborg (Schweden) die Philharmonische Gesellschaft zu leiten. Smetana blieb aber kulturell und politisch interessiert an dem, was in seinem Vaterland passierte. In Göteborg wandte er sich auch erstmals der Programmmusik zu. Seine erste Frau starb 1859. Kurze Zeit später lernte er Bettina Ferdinandová kennen und im Sommer desselben Jahres verlobten sie sich. Sie beschlossen, sich in Prag eine neue Existenz aufzubauen. Smetana sah hier die Möglichkeit, das moderne Musikleben in Prag mit aufzubauen. Er arbeitete rastlos für die tschechische Nationalbewegung. Der neue Aufschwung führte 1861 zur Gründung des patriotischen Gesangvereins Hlahol, den er zwei Jahre (von 1863 bis 1865) leitete.
1866 ging sein größter Wunsch in Erfüllung: Er wurde Kapellmeister am tschechischen Interimstheater, ein exponierter, aber schlecht bezahlter Posten. Die Ursache dafür, dass Smetana als „Begründer der tschechischen Nationalmusik“ gilt, liegt nicht allein an seiner steilen Karriere, sondern eher an seiner geschickten Auswahl von Stoffen und Motiven, denn die Bildung eines tschechischen Nationalbewusstseins wurde als zentrale Aufgabe der Künste im 19. Jahrhundert gesehen.
Im Jahre 1874 zwang ihnschließlich der fast völlige Verlust seines Gehörs die Anstellung am Interimtheater zu quittieren. Er zog zu seiner Tochter aufs Land, wo er auch weiterhin komponierte, u.a. einen großen Teil des Zyklus Má vlast (Mein Vaterland). Die Moldau ist ein Stück aus diesem symphonischen Zyklus. Smetana starb am 12. Mai 1884 in der Landesheilanstalt in Prag. Er wurde auf dem Vyšehrader Friedhof in Prag beigesetzt. An seinem Todestag beginnt jedes Jahr in Prag ein internationales Kunst- und Musikfestival, der Prager Frühling, mit einer Gesamtaufführung des Zyklus „Má vlast“. Seine Oper "Die verkaufte Braut" (1866), der Zyklus von sechs symphonischen Dichtungen unter dem Titel "Mein Vaterland", darunter "Die Moldau" (1874-79), und das Streichquartett e-Moll "Aus meinem Leben" (1876) erlangten internationale Bedeutung. Sein Leben war bestimmt sowohl durch triumphale Erfolge, als auch durch vernichtende Kritik. Er war Zeit seines Lebens durchaus umstritten.


Má vlast

Má vlast (Mein Vaterland) ist ein Zyklus symphonischer Dichtung und von Smetana als ein klares musikalisches Bekenntnis zu seinem Vaterland und damit zur tschechischen Nation zu verstehen. Die Tschechen kämpften gerade zur Entstehungszeit des Zyklus (1870er Jahre), innerhalb des Vielvölkerstaats Österreich- Ungarn, dem sie angehörten, um ihr Recht auf Selbstbestimmung.
Den Tschechen ist der Zyklus ein Symbol nationaler Eigenständigkeit, nationaler Hoffnung und nationalen Triumphes. Má vlast wird gespielt zu herausragenden staatlichen und kulturellen Ereignissen und ist nicht als geschlossenes Ganzes konzipiert. Die sechs symphonischen Dichtungen sind folgende: Vyšehrad, Die Moldau, Šárka, Aus Böhmens Hain und Flur, Tábor, Blaník. In ihnen werden Szenen aus der ruhmreichen und tragischen Geschichte der Tschechen musikalisch erzählt, gepaart mit Motiven aus den Gründungslegenden und der Landschaft Böhmens.
Má vlast entstand in den Jahren 1874 bis 1879 und ist das wichtigste tschechische Orchesterwerk überhaupt. Sie war ein grandioser Erfolg, das Publikum tobte. Leider war Smetana bei der Uraufführung 1882 schon taub.

Der Musikschriftsteller Vaclav Vladivoy Zelený schmückte die programmatischen Notizen Smetanas zur Moldau folgendermaßen aus:
“Zwei Quellbächlein, das eine warm und lebhaft, das andere kühl und ernst, entspringen im Schatten des Böhmerwaldes; sie plätschern munter im Gestein und glitzern in der Sonne. Ihre Wellen vereinigen sich, der Waldbach wird zum Fluss. Auf seiner Wanderung durch Böhmen nimmt er immer mehr an Größe zu, schlingt sich, geheimnisvoll rauschend, als Moldau durch dunkle Kiefernwälder, aus denen das muntere Treiben einer Jagd hallt, durchfließt liebliche Auen, saftige Fluren und fruchtbare Ebenen. An ihren Ufern feiert das Landvolk mit fröhlichen Weisen und heimischem Tanz eine Dorfhochzeit. Die Nacht senkt sich zur Erde, der Hochzeitsjubel verstummt, geheimnisvolle Stille liegt über dem Land. Bei fahlem Mondschein beleben nun Nymphen und Nixen die Ufer und schwingen über den silberglänzenden Wellen ihren Reigen, während als Zeugen vergangener Herrlichkeit ernst und stumm Burgen und Schlösser auf den Hängen ragen, Mahnmale vergangener Größe und Glorie. Von Felsen eingeengt, stürzen mit donnerdem Getöse schäumend die Wasser durchs Tal und bilden tückische Wirbel. Nach den Sankt-Johann-Stromschnellen, auf deren Klippen sich die wild aufbäumenden Fluten zu Gischt zerstäuben, fließt die Moldau in majestätischer Ruhe gegen Prag, wo sie der altehrwürdige Vyšehrad von hohem Felsen niederblickend, grüßt. In mächtiger Breite rauscht der ewige Strom vorüber- bis er in unabsehbare Fernen entschwindet.“
(KOLDAU, Linda Maria: 50)

An dieser Stelle müsste nun "Die Moldau" erklingen, was aber aus Copyright-Gründen nicht ohne weiteres möglich ist.
Der werte Leser dürfte aber wenige Probleme damit haben, eine Kopie des Stückes ausfindig zu machen...


Teil Abschnitt Takte Harmonik Beschreibung
Einleitung  1. Die Quellen der Moldau 35 e-Moll Zwei Querflöten spielen zunächst einzeln, dann zusammen kurze, schnelle Melodien. Man kann sich vorstellen, wie das Wasser sprudelt.
A-Teil 2. Moldau-Thema 44 e-Moll Eine majestätische, getragene Melodie wird jetzt von den Streichern gespielt und von vielen Instrumenten im Orchester begleitet. Dieses Hauptthema soll den ganzen Fluss symbolisieren mit seiner Schönheit und Kraft.
3. Wälder- Jagd 38 schweifend  Hauptsächlich Hörnerklang erinnert an eine Jagd. Der Abschnitt endet mit den Fließfiguren der Moldau.
B-Teil 4. Ländliche Hochzeit 63 G-Dur Der Rhythmus verändert sich. Er wird tänzerisch und erinnert an den Volkstanz Polka. Der Abschnitt endet ebenfalls mit Fließfiguren der Moldau.
5. Mondschein-
Nymphenreigen
58 As-Dur Nachts auf der Moldau: Die Musik wird leise, aus der Stille heraus kommt eine geheimnisvolle Musik, die wie Nebelschwaden vorbeizieht. Der eigentlich der Romantik weniger verbundene realistische Smetana erinnert in dieser besonders schönen Stelle an tschechische Märchen.
A'-Teil 6. Moldau Thema 32 e-Moll/Dur
7. St. Johann-Stromschnellen 62 schweifend Die Musik wächst zu einem gewaltigen Getöse an. Schlagwerk kommt hinzu. Große Dynamik und hohes Tempo symbolisieren die Stromschnellen. Schließlich beruhigt sich die Gischt.
Coda 8. Der breite Strom der Moldau 95 E-Dur Die Moldau fließt jetzt an einer Burg vorbei und zieht dann durch die Hauptstadt Prag. Das Hauptthema klingt verändert: Jetzt ist die Melodie in Dur komponiert, vorher war sie in Moll. Die Musik soll den Stolz über die Hauptstadt und das Land ausdrücken.
Das Moldaulied geht langsam wieder in die Fliessfigur über und die Moldau entschwindet in einem Diminuendo den Blicken des Betrachters. Die Musik klingt aus.
Tabelle 1. verändert nach KOLDAU, Linda Maria 52f

Die Moldau ist ein ideales Beispiel für Programmmusik. Sie wurde unzählige Male auf Schallplatte und CD eingespielt. Die Moldau ist die poetische Idee des Fließens: eine Vielzahl an musikalischen Motiven versinnbildlicht das Plätschern, Fließen, Strömen und Wogen akustisch (und in der Notation auch graphisch).

Smetana ist eine, wenn nicht die Schlüsselfigur im aufblühenden tschechischen Kulturleben des späten 19. Jahrhunderts. Der „Smetanatismus“ spielt eine zentrale Rolle in der tschechischen Identitätsführung und in der Wiedergeburt der Nation.
In Prag sind die Klänge der Moldau öfter zu hören, sei es auf der Karlsbrücke, im Cafe vom Smetana Museum oder auf dem Vorplatz der Hradschin. „Mittags zur vollen Stunde erklingt hier [an der St. Peter-und-Pauls-Kirche] das Glockenspiel: Das Moldau Thema zittert über die Südstadt, erst in seiner Moll- Version, dann in Dur, etwas blechern und leicht verstimmt. Aber unverkennbar Die Moldau- und damit ein zentrales Symbol des freien, selbstbestimmten tschechischen Volkes.“ (KOLDAU, Linda Maria: 173).


Literatur- und Quellenangaben:
-KOLDAU, Linda Maria (2007): Die Moldau Smetana Zyklus mein Vaterland. Böhlau Verlag Köln. Weimar, Wien.
-PETRO, Jozef und Karin WERNER (2005): Prag und Umgebung. 6. komplett aktualisierte Auflage. Reise Know- How Verlag Peter Rump GmbH. Bielefeld.
-home.foni.net/~heikos/czech/node25.html (letzter Einblick 20.5.2009).
-www.bandsinkarlsruhe.de/Friedrich%20Smetana%20Ausdruck.doc (letzter Einblick 20.5.2009).